Zur Geschichte von Haus Bürgel
Schon im Mittelalter war bekannt, dass die damalige Burg Bürgel auf den Fundamenten einer spätrömischen Militäranlage erbaut wurde. Doch erst im 20. Jahrhundert brachten archäologische Ausgrabungen genaueren Aufschluss über die Geschichte und die Funktion von Haus Bürgel in der Römerzeit.
Die Grabungen begannen 1993. Sie wurden veranstaltet von der Außenstelle Overath der Rheinischen Bodendenkmalpflege unter der Leitung von Dr. Michael Gechter und vom Archäologischen Institut der Universität Köln unter Leitung von Prof. Dr. Thomas Fischer.
In der artenreichen Auenlandschaft der Urdenbacher Kämpe siedelten sich im 1. Jahrhundert Menschen an, die bereits mehr oder minder stark von römischer Lebensweise geprägt waren. Als die Kriegs- und Beutezüge der Franken (Stammesverbände der Germanen) sich häuften, ließ der römische Kaiser Konstantin I. (reg. 306–337) zur Sicherung der 320 Kilometer langen Rheingrenze vom Vinxtbach bei Remagen bis zur Nordseeküste eine Kette neuer Militärkastelle erbauen. Ob auch Haus Bürgel in dieser Zeit errichtet wurde oder erst im weiteren Verlauf des 4. Jahrhunderts, lässt sich nicht mit völliger Sicherheit sagen. Zu denken gibt, dass das von 367 bis 370 errichtete Kastell Alzey (Alteium) bauliche Parallelen zu Haus Bürgel aufweist.
Nach dem Sieg der Franken über die Römer und der Rückeroberung der linken Rheinseite verfiel das Kastell und wurde erst im hohen Mittelalter wieder zu einer Burganlage ausgebaut.
Wo lag „Burungum“?
Aus „Burg“ wurde die Verkleinerungsform „Bürgel“. Über die Entstehung des Namens schrieb Franz Cramer (1860–1923) in seinen „Römisch-Germanischen Studien“ (Breslau 1914, S. 190): „Richtig ist, daß Bürgel unzweifelhaft eine Ableitung vom deutschen Wort ‚Burg‘ ist:
• i. J. 1019 erscheint unser Bürgeler Schloß [!] als ‚castrum in Burgela‘ (Lacomblet, Urkundenb. z. Gesch. des Niederrheins I, Nr. 153);
• 1147 heißt es ‚castrum Burgele‘ (ib. Nr. 357),
• 1166 und 1183 Burgele (Nr. 415 und 488),
• 1218 Burgle (ib. II, Nr. 78),
• 1326 Burghile (III, Nr. 212),
• später Burgel (Binterim und Mooren, Erzdiöz. Köln I, 216).“
Wie Haus Bürgel zur römischen Zeit genannt wurde, ist ungewiss. Die These, Bürgel sei mit dem aus der Antike überlieferten „Burungum“ (ursprüngliche Schreibweise: „Buruncum“) gleichzusetzen, wurde laut Otto Redlich, Direktor des Staatsarchivs Düsseldorf, „[…] zum erstenmal im Jahre 1731 aufgestellt von dem pfälzischen Rat und Referendar Lic. Adam Michael Mappius in der Einleitung zu den unter dem Namen seines Schwiegervaters, des jülisch-bergischen Vizekanzlers Brosii, herausgegebenen Annalen […]. Mappius glaubte damit dem Ansehen des bekannten Werner Teschenmacher einen besonderen Stoß zu versetzen, weil dieser in seinen 1638 herausgebenen Annalen Buruncum für Worringen in Anspruch genommen hatte. Die in Bürgel gefundenen römischen Münzen aus der Zeit Trajans [reg. 98–117] und Vespasians [69–79], sowie die dort noch vorhandenen Altertümer aus römischer Zeit, schienen [Mappius] Beweis genug zu sein.“ („Wanderungen an Rhein und Ruhr“, in: Düsseldorfer Jahrbuch, 31. Band 1920/24, herausgegeben vom Düsseldorfer Geschichtsverein, Düsseldorf 1925, S. 21)
Mappius’ Hypothese wurde aufgegriffen von Dr. Anton Rein (1804–1877). Der Rektor der Höheren Stadtschule in Krefeld veröffentlichte 1855 das Büchlein „Haus Bürgel das Römische Burungum nach Lage, Namen und Alterthümern“. Entschiedenen Widerspruch fand Rein unter anderem bei Franz Cramer, der in seine „Römisch-Germanischen Studien“ den Aufsatz „Buruncum – Worringen, nicht Bürgel“ einreihte. Die von Cramer und anderen wohlbegründete Annahme, „Burungum“ oder „Buruncum“ sei in Köln-Worringen und nicht in Bürgel zu lokalisieren, kann heute als gesichert gelten, auch wenn immer wieder einmal das Gegenteil behauptet wird.
„Aber schon dieser ganze Streit zeigt genugsam, daß es mit Haus Bürgel doch eine besondere Bewandtnis haben muß, und daß der für Historisches interessierte Wanderer gut tun wird, an dieser denkwürdigen Stätte ein wenig zu verweilen und, wenn es der wachsame Hofhund erlaubt, die alten Mauern dieses Gehöftes etwas in Augenschein zu nehmen“, zog Otto Redlich 1925 ein Fazit.
Einen frühen Hinweis auf mögliche römische Relikte in Worringen gibt die „Rheinische Dorfchronik des Joan Peter Delhoven aus Dormagen (1783–1823)“, erschienen 1966 im Eigenverlag der damaligen Amtsverwaltung Dormagen (S. 180). Im Oktober 1802 notierte Delhoven:
„Der Rhein ist kleiner als jemalen. Man geht trockenen Fusses auf das Worringer Werth. Auch ist die Mauer dort im Rheine von weitem sichtbar, sie kann 40 Fuss lang und 24 Fuss in der Breite haben, die Worringer brechen viele Steine dort aus; es sind meistens Unkelsteine [Basalt aus den Steinbrüchen von Unkel].“
Der Mitherausgeber der Chronik, Prof. Dr. Reiner Müller, interpretierte Delhovens Angaben so: „Eine Mauer von rund 7½ Meter Dicke im Rhein bei Worringen ist m. E. am wahrscheinlichsten als ehemalige Wallmauer der römischen Befestigung Buruncum zu deuten. Eine solche Mauer hatte wohl die Aufgabe, ausser feindlichen Angriffen auch Hochwasser und Eisgang abzuwehren.“
Der Ortsname Burungum ist überliefert im Itinerarium Antonini, einem Straßenverzeichnis aus dem 3. Jahrhundert. Darin wird Burungum als Sitz einer Reitereinheit (lat. ala) bezeichnet. Zwar sei in Worringen „bisher archäologisch kein Auxiliarkastell bekannt, das in den literarischen Quellen bezeugte Alenkastell Burungum (zwischen Köln und Neuß) kann jedoch kaum anderswo gesucht werden“, schreibt Géza Alföldy in „Die Hilfstruppen der römischen Provinz Germania inferior“ (Rheinland-Verlag, Düsseldorf 1968, S. 20).
Von der linken auf die rechte Rheinseite
Der heute vorhandene Eckturm von Haus Bürgel stammt aus dem späten Mittelalter, ruht aber auf römischem Fundament. Immer wieder wurde Haus Bürgel verändert; weg vom Hort der Armee, hin zur friedlichen Nutzung als Gutshof. Dessen Besitzer waren fast dreihundert Jahre lang die Grafen von Nesselrode, bis zum Verkauf 1989 an die Nordrhein-Westfalen-Stiftung. Die Grafen von Nesselrode errichteten 1837/38 ein neues Herrenhaus. Es beherbergt heute unter anderem das Museum.
Mächtiger als selbst der römische Kaiser war in früheren Jahrhunderten der Rhein. Bei starkem Hochwasser schafft er es sogar heute noch, das einstige Kastell im Sturm zu nehmen. Zur Römerzeit lag Haus Bürgel – wie die anderen Festungen am niederrheinischen Limes auch – auf der linken Seite des Stroms.
Es muss eine gewaltige Sturzflut gewesen sein, die Vater Rhein zwischen Weihnachten 1373 und Mai 1374 derart aus dem Bett warf, dass er Haus Bürgel seither rechts liegen lässt. Es ist einsichtig, dass die Römer ihren vorgeschobenen Posten links- und nicht rechtsrheinisch ansiedelten. Zwischen ihnen und den Stämmen der Germanen lag so der Fluss als natürlicher Schutzwall.
Der Rheinverlagerung kann die Nachwelt durchaus etwas positives abgewinnen: „Wenn Bürgel die römische Vergangenheit treuer widerspiegelt als andere Plätze seinesgleichen, so verdankt es dies zum Teil jedenfalls dem an sich widrigen Geschick, aus seinem natürlichen Zusammenhang mit dem linken Ufer herausgerissen und völlig vereinsamt zu werden. Die Stürme der Zeit brausten an dem einsamen Platze vorüber und ließen unangetastet, was sie anderswo zertrümmerten oder ganz hinwegfegten.“ (Franz Cramer, Römisch-Germanische Studien, Breslau 1914, S. 191.)